Navvis rollt den Markt für Gebäudenavigation auf

Als „Streetview für Innenräume“ erstellt das Münchner Startup Navvis fotorealistische, virtuelle 3D-Innenraumansichten von Flughäfen, Messen und Fabriken in aller Welt. Jetzt will der Dienstleister für digitale Gebäudezwillinge seine Technologieplattform zum Zentrum für neue digitale Services rund um die Gebäudenavigation machen.

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Ohne Navigationsgerät bewegt heute kaum noch einer ein Auto, um an unbekannte Ziele zu gelangen. Der Fahrer kann sich den Streckenverlauf als Karte in 2D oder 3D anzeigen lassen, aber auch dank Google Earth, mit echten Bildern. Per GPS (Global Positioning System) wird er schließlich an sein Ziel gelotst.

2013 entwickelte das Münchner Start-up Navvis nach diesem Vorbild ein Navigationssystem für Innenräume. Die Idee: Die Nutzer von Gebäuden so schnell wie möglich an ihr eigentliches Ziel zu führen: Zum gewünschten Produkt in einem Supermarkt, direkt zum Ausstellungshighlight im Museum, zum richtigen Büro in großen Verwaltungstrakten oder zur gesuchten Stelle in einem Fertigungsprozess.

Dafür schickte das Start-up einen Trolley, der mit Kameras und Scannern ausgestattet war, durch Museen, Flughäfen, Möbelhäuser, Supermärkte und Fabrikhallen. Eine Plattform digitalisierte anschließend die gesammelten Bild- und Messdaten und erstellte auf dieser Basis digitale 3-D-Karten.

Für das Navvis-Geschäft immer wichtiger geworden, sind die Innenansichten von Konzernen wie Daimler, VW, BMW, Audi, Siemens oder Huawei und Lenovo aus China. Lässt sich doch die Gebäudenavigation auch dafür nutzen, Anlagen und Fertigungsprozesse durch die virtuelle Darstellung realer Räume zu überwachen, zu steuern und deren Umstellung auf neue Produkte oder Technologien zu beschleunigen. 

Das einstige Vier-Mann-Start-up ist mittlerweile zu einem Dienstleister mit 170 Mitarbeitern herangewachsen, der für mehr als 200 Unternehmen weltweit tätig ist. 2017 eröffnete Navvis für die internationale Expansion eine Niederlassung in New York und ist seit Ende 2018 auch in Shanghai mit einer Dependance vertreten. Mehr als 60 Partner in 30 Ländern nutzen die Navvis-Technologie, um mit dem System Gebäude zu erfassen und als Dienstleister digitale Gebäudezwillinge zu erstellen.

Jetzt sammelte Navvis 35,5 Millionen Euro von Investoren ein, um das System weiterzuentwickeln und zum Beispiel mithilfe von Künstlicher Intelligenz eine noch effektivere und schnellere Auswertung von Daten zu ermöglichen. Weltweit ist die Nachfrage gestiegen nach Lösungen für die Digitalisierung von Gebäuden und den in ihnen ablaufenden Prozessen. So soll die Digital-Twin-Technologie Unternehmen zukünftig helfen, ihre Arbeitsweisen schneller neuen Rahmenbedingungen anzupassen und in notwendig gewordene neue Systeme zu transferieren. Ein Beispiel hierfür ist die Automobilindustrie, die ihre Produktion derzeit auf E-Mobilität umstellen muss.

Um dieses Potenzial zu auszuschöpfen, muss Navvis sich jedoch nicht nur der mittlerweile gestiegenen Zahl an Wettbewerbern stellen, sondern auch den gewachsenen Ansprüchen der Kunden. Navvis-Vorstandschef Felix Reinshagen sagte gegenüber der FAZ: „Da ist ein breiterer Ansatz gefragt, der neben der Navigation auch die Kartierung, das Streaming und die Darstellung der Daten oder Suchfunktionen beinhaltet.“ Um die nächste Stufe der Gebäudenavigation zu zünden, benötigt das Unternehmen zusätzliche Software-Ingenieure und Vertriebsleute.


Quellen: FAZ, 7. Januar 2019, Printausgabe Seite 19; Handelsblatt, 11. Dezember 2018, Printausgabe Seite 45